Lukas Ebner
Controlling für Agenturen — Warum du deine Projektmargen nicht kennst (und was das kostet)

Controlling für Agenturen — Warum du deine Projektmargen nicht kennst (und was das kostet)

80% der Agenturen kennen ihre echten Projektmargen nicht. Die 5 Kennzahlen die jeder Agenturinhaber wöchentlich prüfen sollte.

17. Dezember 2025controlling für agenturen

Die bittere Wahrheit: 80% der Agenturen kennen ihre echten Projektmargen nicht

Du weißt was du fakturierst. Aber weißt du auch, was jedes Projekt wirklich kostet?

Ich treffe ständig Agenturinhaber, die stolz auf ihre Umsatzzahlen sind. 2,5 Millionen im Jahr, sagen sie. Gewinn? Keine Ahnung. Das ist die typische Blindheit in Agenturen. Weil die meisten ihre Kosten nicht richtig erfassen.

Die versteckten Kosten sind überall. Der Junior-Developer, der sich verrechnet hat und eine Woche länger am Projekt sitzt — das fällt nicht auf, wenn du keine gute Zeiterfassung hast. Der Account Manager, der dich beim Client anruft und eine halbe Stunde redet — das geht nicht in die Projektzeit ein. Die interne Code Review, die nicht getrackt wird. Die Abstimmungsmeetings, die nicht dokumentiert sind. Am Ende schaut man sich die Stunden an, teilt sie durch die Faktura — und freut sich auf eine 35%-Marge, die in Wirklichkeit 18% ist.

Das ist keine Theorie. Das ist das, was ich in den 13 Jahren bei eins+null gesehen habe. Und es ist auch nicht schlecht gemeint — es ist nur schlecht organisiert.

Umsatz ≠ Gewinn: Warum Stundensätze allein nichts aussagen

Ein Projekt mit 150€/h Stundensatz kann Geld verbrennen. Eines mit 90€/h kann hochprofitabel sein.

Mach die Rechnung auf. Projekt A: Du fakturierst 100 Stunden à 150€ = 15.000€. Dein durchschnittlicher Stundenkostensatz (Gehalt, Nebenkosten, Overhead verteilt auf Arbeitsstunden) liegt bei 60€. Macht 6.000€ Kostenseite. Super, 9.000€ Gewinn, 60%-Marge.

Aber warte. Die Projektleitung hat zwei extra-Treffen beim Client gemacht — insgesamt vier Stunden, nicht getrackt. Ein Bug ist nach Launch aufgetaucht, dein Senior-Dev hat acht Stunden repariert — das zahlst du aus Kulanz. Code Reviews der anderen Entwickler für die Qualitätssicherung: weitere sechs Stunden. Zusammen 18 Stunden interne Kosten, die nicht fakturiert werden. Das sind weitere 1.080€ weg.

Plötzlich sind es nur noch 7.920€ Gewinn, 52%-Marge. Und das ist optimistisch, weil du mit Overhead noch nicht gerechnet hast — Miete, Server, Krankenversicherung, Buchhaltung, alles das kommt obendrauf.

Projekt B mit 90€/h kann trotzdem besser sein, wenn der Prozess stimmt. 120 Stunden fakturiert, aber nur 110 Stunden intern verbraucht, weil du effizient bist. 10.800€ Umsatz, 6.600€ Kosten, 4.200€ Rohgewinn vor Overhead. Mit Overhead oft besser als Projekt A.

Das passiert, wenn du deine echten Projektkosten kennst und du dafür sorgst, dass sie auch erfasst werden. Nicht als einzelne Stunden, sondern als Struktur.

Die 5 Kennzahlen, die jeder Agenturinhaber wöchentlich prüfen sollte

Nicht monatlich. Nicht quartalsweise. Wöchentlich. Hier sind sie, und sie sind nicht kompliziert:

1. Utilization Rate: Wie viel Prozent deiner verfügbaren Stunden werden für zahlende Projekte genutzt? Zielwert: 70-75%. Unter 60% = Engpass. Über 85% = Überlastung. Das berechnest du wöchentlich: (Geplante Projektstunden / Verfügbare Arbeitsstunden) × 100.

2. Margin je Projekt: Nicht Stundensatz, sondern echte Marge. (Fakturierte Stunden × Stundensatz - tatsächliche Kosten) / Faktura. Wenn du hier nicht unter 40% kommst, stimmt etwas nicht. Projekte unter 30%? Rote Flagge.

3. Abweichung Plan-Ist: Wie sehr unterscheiden sich deine geschätzten Stunden von den tatsächlich geleisteten? Wenn deine Schätzung um mehr als ±20% daneben liegt, kriegst du Margin-Probleme. Das ist ein Indikator für dein Schätzwissen.

4. Revenue-Run-Rate: Wie viel Umsatz generierst du diese Woche, hochgerechnet auf das Jahr? Das zeigt dir sofort, ob du on track bist. Mach das jeden Montag als erstes.

5. Unproduktive Zeit: Weiterbildung, Overhead, Infrastruktur. Das sollte realistisch 20-25% deiner Zeit sein — wenn es mehr ist, überbürokratisierst du dich. Wenn es weniger ist, wirst du langfristig ausbrennen.

Diese fünf Zahlen nehmen dir fünf Minuten pro Woche. Aber sie zeigen dir genau, ob deine Agentur profitabel läuft oder nur so aussieht.

Von Zeiterfassung zu Echtzeit-Controlling: Der Systemaufbau

Zeiterfassung ist der Anfang, nicht das Ziel. Das ist auch ein großer Teil der digitalen Transformation in Mittelstands-Agenturen. So baust du ein System, das dir in Echtzeit zeigt, wo du stehst.

Das System braucht drei Schichten:

Erste Schicht — Die Datenerfassung: Jeden Tag müssen deine Mitarbeiter ihre Stunden tracken. Nicht am Wochenende rückwärts. Jeden Tag. Dafür brauchst du ein Tool, das nicht nervt — ob Jira, Toggl, oder direkt in der Rechnung. Es muss Projekte, Tätigkeitsarten und ob bezahlt oder nicht erfasst. Punkt.

Zweite Schicht — Die Automatisierung: Aus diesen Stunden entstehen automatisch Kostenlinien. Eine KI könnte sogar Fehler erkennen — wenn einer vier Stunden Design auf einen Entwickler-Task schreibt, kann das eine Anomalie flaggen. Die Marge wird wöchentlich kalkuliert und in ein einfaches Dashboard geführt.

Dritte Schicht — Die Interpretation: Jeden Montag schaust du rein. Nicht 30 Minuten Excel-Jonglage, sondern klare Ampeln: grün, gelb, rot. Grün = alles auf Budget. Gelb = 10% über Schätzung. Rot = 20%+ über Schätzung. Wenn rot, dann hast du maximal zwei Tage, um zu handeln — entweder die Schätzung korrigieren und den Client informieren oder den Prozess optimieren.

Bei eins+null haben wir das mit einem einfachen BI-Tool gemacht — Power BI oder auch einfach Google Sheets, die sich automatisch aus der Zeiterfassung speisen. Die Technologie ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass die meisten Agenturen dieses System nicht aufbauen.

Wie ich bei eins+null Transparenz geschaffen habe (und was sich verändert hat)

Zahlen auf den Tisch. Was passiert, wenn plötzlich jeder weiß, wie profitabel sein Projekt ist.

Das war eine kulturelle Verschiebung, die ich nicht unterschätzen kann. Am Anfang war die Reaktion gemischt. Einige von uns dachten: "Der Chef kontrolliert uns jetzt permanent." Andere: "Endlich sehe ich, ob mein Projekt gut läuft." Aber das Wichtigste war: Plötzlich wurden Schätzungen ernst genommen.

Wenn dein Team weiß, dass du wöchentlich schaust und nicht monatlich, wird plötzlich jemand aktiv, wenn die Stunden driften. Der Developer merkt selbst: "Moment, ich bin bei 35 Stunden und habe erst 70% geschafft" — und meldet das proaktiv dem Projektleiter, statt es am Monatsende zu verstecken.

Die Projektleiter wurden besser. Sie begannen, enger zu tracken, weil sie die Daten hatten. Und wir als Führungsteam konnten viel schneller intervenieren, wenn etwas schiefging. Nicht nach drei Monaten, sondern nach zwei Wochen.

Das Gewinnziel wurde realistischer. Nicht: "Wir wollen 40% Marge machen." Sondern: "Wir sehen, dass Projekte mit gutem Briefing und klarem Scope durchschnittlich 45% Marge fahren, solche ohne sind bei 25%. Also investieren wir in bessere Briefings."

Die Agentur wurde vorhersehbarer — und damit auch entspannter für alle Beteiligten. Keine Überraschungen mehr im November, wenn das Jahr vorbei ist.

Bereit für den nächsten Schritt?

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